Der Narr hatte irgendwas von Zauberern gehört … Und nun trifft er tatsächlich einen waschechten Magier! Ob der ihm helfen kann?
I DER MAGIER
Der Frühling vergeht, wie alle Frühlinge vor ihm vergangen sind. Die Tage werden länger und die Sonne scheint wärmer. Der Narr sitzt an einem hellen Nachmittag vor dem Burgtor im Gras und sieht den Blumen zu, während seine Bälle neben ihm zufrieden schlummern.
Da nähert sich ein Reisender in langem Gewand. Und statt wie gewöhnlich vorbeizugehen, kommt er direkt auf den Narren zu. »Hi! Ich suche den Ehrenwerten Kleinen König und ein Bett für heut Nacht. Kannst du mir helfen?«
Der Narr ist verdutzt über dieses Auftreten. Er nickt und klingelt und steht auf, um dem Fremden den Weg zur Halle zu zeigen, wo der König sich nachmittags gewöhnlich aufhält. Der Fremde zeigt mit seinen langen Fingern ins Gras: »Vergiss die nicht, die brauchst du doch sicher noch.« Der Narr nickt eifrig und klingelt.
Sobald sie den Hof überquert und die Halle erreicht haben, schreitet der Fremde wie selbstverständlich auf den König zu und der Narr hört unter den Anwesenden ein ehrfürchtiges Raunen. Ein Wort dringt aus dem Gemurmel an sein Ohr: Zauberer.
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Als an diesem Abend die Sonne hinter den Burgzinnen verschwindet, geht der Narr nicht zu Bett. Er bleibt in der Halle und verhält sich ganz ruhig. Seine blauen Augen beobachten jede Bewegung des Fremden. Schließlich erhebt sich der Mann und greift nach seinem Bündel. Auch der Narr steht auf und folgt ihm so still, wie er nur kann, in Richtung der Gastquartiere.
Bei den Ställen hat er den Fremden eingeholt, der sich beim leisen Klingeln wissend umdreht und den Narren freundlich betrachtet. »Ich dachte mir schon, dass wir uns nochmal sehen«, sagt er.
»Wieso?«
Der Fremde rollt kurz die Augen gen Himmel: »Ich bin ein Magier. Ich weiß sowas halt.«
»Oh«, sagt der Narr, »Ich dachte, du bist ein Zauberer.«
»Magier, Zauberer, Hexer, Trickser …«, entgegnet der Magier, »wie wir uns nennen, spielt keine Rolle. Wichtig ist, was wir tun und wer wir sind.«
»Und was tut ihr?«, fragt der Narr mit einem kleinen Klingeln.
»Na, was wohl? Die Welt retten. Den Laden am Laufen halten. Die Welt besser machen. Schöner.« Er breitet die Arme aus, als hätte er etwas völlig Offensichtliches gesagt.
Der Narr legt den Kopf schief: »Könnt ihr Probleme lösen und Meisterwerke vollenden?«, fragt er mit ungewohnter Skepsis in der Stimme.
»Natürlich, das hab ich doch gerade gesagt.« Das Lächeln des Magiers wird breiter. »Willst du das auch können?« Der Narr nickt und klingelt so aufgeregt, dass die Pferde in ihren Boxen zu wiehern beginnen. »Ja! Ja genau. Das will ich auch können. Was muss ich tun?«
Der Magier legt ihm eine Hand zwischen die Schulterblätter und schiebt ihn sanft weiter. »Komm mit in mein Gemach, sowas bespricht man nicht zwischen Tür und Angel.«
»Angeln?«
»Komm einfach.«
In der Kammer macht der Magier sich schweigend daran, sein Bündel auszupacken. Der Narr folgt ihm mit den Augen, während seine Hände in den Taschen nervös die Nähte seiner Bälle, die Kanten kleiner Steine und die Rundungen der letzten Kastanien entlangfahren. Er sieht, wie der Magier Seltsames auf dem Tischchen im Raum ausbreitet. Dinge, Formen, Figuren, die der Narr noch niemals gesehen hat. Als der Magier schließlich zufrieden ist, deutet er auf einen Stuhl. Während der Narr auf dem weichen Fell Platz nimmt, hantiert der Magier mit Bechern und Karaffen. Dann stellt er einen Becher mit dunkler Flüssigkeit vor den Narren auf das Tischchen, entzündet mit einem Fingerschnippen den Docht einer tiefschwarzen Kerze und nimmt mit einem zweiten Becher auf einem kleinen Holzschemel Platz, als wäre er ein Thron.
»Trink. Es schmeckt nicht besonders, aber es hilft.« Der Narr gehorcht und nimmt einen Schluck des bitteren Tranks. Igitt.
»So, du willst also ein Zauberer werden«, wiederholt der Magier. Der Narr nickt nun so zaghaft, dass die Glöckchen stumm bleiben. »Ja, äh, ich glaube schon. Ich will etwas lösen und vollenden oder so. Und ich glaube, ich will jemanden finden. Und wenn Zauberer das können, dann will ich bestimmt ein Zauberer sein, oder?«
»Ich kann dir nicht sagen, was du willst. Ich bin Magier und kein Hellseher. Da gibt es Unterschiede. Wir Magiere und Zauberer lassen Dinge wahr werden. Wir erschaffen die Welt. Wir machen möglich. Wir hüten den Zauber und die Weisheit unserer Königreiche. Aber wir wissen selten, was im Kopf des anderen vorgeht oder wie das Wetter morgen wird, mach dir keine Illusionen. Ich spüre nur, dass dich und mich etwas verbindet.«
»Aber das ist gut. Was du gesagt hast. Das will ich. Wie das Wetter morgen wird, ist mir egal.«
»Okay. Das kannst du haben.«
»Echt?«
»Ja. Du kannst alles haben.« Der Magier zuckt mit den Schultern und sieht dem Narren direkt in die Augen. »Du kannst alles haben, was du willst. Doch alles hat einen Preis, den es zu zahlen gilt.«
»Ich habe kein Gold.«
»Ach, Gold.« Der Magier kratzt mit seinen Händen etwas Schmutz von der Tischplatte und hält ihn in der offenen Hand über die Kerzenflamme. Die Krümel beginnen in der Handfläche des Magiers zu schmelzen und die Luft darüber verdichtet sich. Obwohl er genau hinsieht, kann der Narr nicht erkennen, was passiert – doch plötzlich hält der Magier ein Goldstück zwischen den Fingern.
»Zauber kann man nicht mit Gold bezahlen. Sonst wäre ja jeder König ein Magier. Hier, nimm das mit.« Er wirft dem Narren über den Tisch hinweg das Goldstück zu. Der Narr fängt es mit geübten Händen und ein Schrei bleibt ihm in der Kehle stecken, als das glühend heiße Metall seine Handflächen berührt. In seinen blauen Augen sammelt sich Flüssigkeit, seine Lippen beben.
»Oh, sorry. Das wollt ich nicht. Aber siehst du? Alles hat seinen Preis. Jeder kann mit dem Feuer spielen, wenn er in Kauf nimmt, sich zu verbrennen. Steck das ein. Und trink. Ich erkläre dir, wie du zum Zauberer wirst. Die erste Lektion hast du ja schon gemeistert, jetzt sind es nur noch zwanzig und eine.«
»Was?«
»Zwanzig und eine. Lektionen. Du hast die erste Lektion gemeistert. Fein gemacht. Prüfung bestanden. Du bist offiziell Zauberlehrling. Glückwunsch. Jetzt hast du noch zwanzig weitere Lektionen zu meistern und die Letzte Prüfung zu bestehen. Und dann bist du Zauberer. Dann bist du in der Lage, all das zu tun, was du willst. Aber der Weg wird nicht leicht. Trink.«
Der Narr gehorcht und führt den Becher wieder zum Mund. Drehen sich die Wände oder bildet er sich das nur ein?
»Also. Du wirst auf deinem Weg vom Narren zum Zauberer verschiedene Stufen durchlaufen und mit jeder weiteren Stufe wirst du etwas Neues lernen; du wirst auf deiner Reise viele merkwürdige Gestalten treffen und Gefahren meistern müssen und mit jedem Schritt deines Weges wirst du dich selbst transformieren bis du …« Der Singsang des Magiers hallt im Kopf des Narren wider, doch die Worte hört er bald nicht mehr.
Als ein Sonnenstrahl des Narren Wange kitzelt, schreckt er hoch. Er muss auf seinem Stuhl eingeschlafen sein. Der Raum ist leer, der Magier ist fort. Auf dem kleinen Holztisch liegt ein Stück festes Papier, auf dem merkwürdige Zeichen abgebildet sind. Etwas regt sich im Narren.
Eine Erinnerung? Eine Eingebung? Eine Stimme?
Geh los!
Der Narr nimmt das Stück Papier vom Tisch und steckt es in seine Taschen. Er erhebt sich und geht los.
Und? Hast du dir den Magier, den Meister der Elemente, so vorgestellt? Wahrscheinlich nicht.
Nun bricht der Narr also zu seinem großen Abenteuer auf, um seine zwanzig und eine Lektionen zu meistern und Zauberer zu werden. Falls du mit dem Tarot vertraut bist, ahnst du schon, dass er in der nächsten Episode die Hohepriesterin treffen wird … Oder nicht?



